06.08.2020, 14:02 Uhr

„Keine Zukunft ohne Vergangenheit“ Archäologische Funde aus fast 5.000 Jahren Menschheitsgeschichte im Polder Sulzbach


Im Zuge von Grabungsmaßnahmen sind Archäologen im Polder Sulzbach an der Donau in Niederbayern auf eine große Dichte an archäologischen Funden aus unterschiedlichen Epochen gestoßen. Seit Beginn der Arbeiten im März dieses Jahres wurden etwa 600 Befunde aufgedeckt. Ihr Erhaltungszustand ist oft außergewöhnlich gut. Die Befunde reichen von Bestattungen über Gruben mit Alltagsgegenständen wie Kämmen, Keramik, Werkzeugen und Waffen bis zu baulichen Überresten von Siedlungen.

Bogen. Bisher völlig unbekannt war eine Siedlung der Karolingerzeit (800 bis 1000 nach Christus) und ein wohl zugehöriger Friedhof in der Gegend südlich von Lenzing. Neben Hausgrundrissen fanden sich auch Gruben mit verziegeltem Material, die als Öfen genutzt wurden. Ein weiterer Hausgrundriss und wahrscheinlich der Rest einer Tonstatuette stammen aus der Hallstatt- bis Frühlatènezeit (circa 600 bis 400 vor Christus). Werkzeuge wie eine Bronzeahle, die zur Bearbeitung von Oberflächen und Leder eingesetzt wurde, konnten der Spätbronzezeit (1300 bis 1200 vor Christus) zugeordnet werden. Der sehr gute Erhaltungszustand lässt noch Reste eines Zwischenfutters im Knochengriff erkennen. Die ältesten Funde stammen aus dem Endneolithikum (2800 bis 2200 vor Christus): In den entdeckten Gräbern der Schnurkeramik- und Glockenbecherkulturen wurden die Beigesetzten in einer den Bestattungsriten dieser Epoche entsprechenden, nach Himmelsrichtungen orientierter Hockerlage vorgefunden, ausgestattet mit Grabbeigaben wie Dolchen und Beilen.

Kunstminister Bernd Sibler betonte: „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit. Deshalb freue ich mich sehr, dass in Polder Sulzbach ein wertvolles Stück niederbayerischer Vergangenheit freigelegt wurde. Über Jahrhunderte lagen diese archäologischen Schätze im Boden verborgen. Nun lassen sie uns in die reiche Geschichte des Freistaats eintauchen und davon lernen.“

„Die Funde spannen den Boden über tausende Jahre Menschheitsgeschichte“, so Generalkonservator Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. „In der vorhandenen Dichte geben sie Einblick in das Leben und die Siedlungsstrukturen einer in unterschiedlichen Epochen stark besiedelten Landschaft.“ Derzeit werden die Funde dokumentiert und gereinigt, um im Anschluss sortiert und geordnet zu werden. Geborgenes Material wie zum Beispiel Keramik, Knochen, Metall, etc. dient der Datierung und bietet weitere Aufschlüsse über das entdeckte Bodendenkmal. Dabei können Zusammenhänge wie beispielsweise Siedlungsstrukturen mit teilweise rekonstruierbaren Grundrissen längst vergangener Gebäude, Gräberfelder oder andere Spuren menschlicher Aktivitäten aus früheren Epochen sichtbar werden.

Die Grabungsmaßnahme fand im Zuge des Donauausbaus zum Hochwasserschutz statt. Der untersuchte Abschnitt liegt zwischen Straubing und Deggendorf im Polder Sulzbach. Bei den Baumaßnahmen werden zwei große Deiche ins Landesinnere rückverlegt und fünf Schöpfwerke neu errichtet. Im Rahmen von Hochwasserschutzmaßnahmen muss in den Boden eingegriffen werden. Dort, wo Bodendenkmäler vorhanden sind oder vermutet werden, finden vorab archäologische Untersuchungen statt, die in den Bauablauf integriert werden. Die Befunde werden dabei vollständig ausgegraben und dokumentiert. Nach Abschluss der Untersuchungs- und Sicherungsmaßnahmen, die bisher im geplanten Zeitrahmen verlaufen, kann das Gelände für die Bebauung freigegeben werden. Träger des Vorhabens ist die WIGES Wasserbauliche Infrastrukturgesellschaft mbH, die für die Bundesrepublik Deutschland und den Freistaat Bayern den Donauausbau und die Hochwasserschutzmaßnahmen ausführt. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege betreut die archäologischen Maßnahmen zur Umsetzung des Denkmalschutzes. Die Umsetzung der Grabung nahm die Firma Pro Arch Prospektion und Archäologie GmbH vor.


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