13.08.2019, 13:47 Uhr

Tattoos erinnern an den toten Sohn Ernstls Trauer geht unter die Haut


Vor sechs Jahren starb Ernstl Schreyers Sohn. Die Tattoos auf seinem linken Arm sind ihm gewidmet

ALTÖTTING. Am 4. Juli 2013, um 19.10 Uhr, stand die Polizei vor Ernstl Schreyers Tür. Sie erklärten ihm, dass sein Sohn Pascal – genannt „Batzi“ – mit 23 Jahren Selbstmord begangen hätte. Diesen Augenblick wird der Altöttinger nie vergessen. Dem 54-Jährigen zog es den Boden unter den Füßen weg. Er brauchte Jahre, um sich nach diesem grausamen Verlust wieder ins Leben zurück zu kämpfen. Unter dem Tod seines Ältesten leidet er heute noch. Vor allem, weil er nicht an die Suizid-Version glauben kann. „Batzi war nach einem Entzug clean“, erklärt er. „Todesursache soll eine gespritzte Überdosis pures, reines Heroin gewesen sein.“ Sein Sohn hatte immer Angst vor Spritzen. Schreyer glaubt, dass andere seinen „Batzi“ auf dem Gewissen haben. Doch geklärt wurde das nie.

„Batzi“ lernte Glasbläser, wollte den Meister machen

„Wir haben drei Tage vor seinem Tod noch telefoniert, ich sollte den Antrag für sein Meister-BAföG unterschreiben“ – Ernstl weiß, sein Junge wollte noch lange leben.

Heute, sechs Jahre später, wirkt Ernst Schreyer ganz tough. Wenn er so vor einem sitzt, würde keiner annehmen, dass ihn die Trauer noch immer arg beutelt. Doch, wenn er über seinen verstorbenen Sohn spricht, steigen Tränen in seine Augen, seine Stimme wird dünn.

Er hat nach der Geburt „Batzis“ Nabelschnur durchgeschnitten und – weil er das Geld für die Familie verdienen musste – mit tatkräftiger Unterstützung seiner Eltern seine beiden Söhne aufgezogen. Da ist die Bindung eng. „Batzi“ war als junger Erwachsener zum Vertrauten seines Vaters geworden, sie unterhielten sich gerne über alles Mögliche.

Am Grab seines Sohnes war Ernstl seit der Beerdigung nicht mehr. Er schafft es einfach nicht: „Es gibt nichts Schlimmeres als seinem Kind ins Grab nachschauen zu müssen.“ In seiner Wohnung hängen viele Bilder von Pascal. Ernstl will sich an ihn als Lebenden erinnern.

Und er erinnert sich an ihn mit Tattoos auf seinem linken Arm – dem Herzarm. „Ich habe lange überlegt, was ich mir stechen lassen soll, wie ich es gestalte“, sagt er. Als Erstes hat er Geburts- und Todesdatum von „Batzi“ auf seinem Arm verewigt.

Dazu zwei Raben – einer steht für die Erinnerung an seinen Jungen, der andere für die Gedanken an ihn. Ernstls Unterarm ziert ein Spruch „Batzis“: „Das Leben ist ein Märchen, dessen Ende du selbst schreibst.“ Am Oberarm trägt er eine Uhr als Symbol für die mit dem Tod stehengebliebene Zeit; eine Treppe, die Pascal hinauf gegangen ist und das Profil einer Frau, das für Überlegung steht. Dazu die Worte: „Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich lebe in euch und geh durch eure Träume“.

Ernstl Schreyer hat gelernt, mit seiner Trauer zu leben und lebt sie auch aus – zumindest allein zuhaus lässt er sie zu: „Ich verdränge nichts und gebe mich nicht auf. Schlechter kann es nicht mehr werden.“

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume“

Da hilft ihm auch seine kleine Enkelin, die Tochter seines jüngeren Sohnes – ein „Opa-Kind“ wie er sagt. Die Geburtsdaten der beiden trägt er auf dem rechten Arm. Fotos der Kleinen zeigt es stolz auf seinem Handy.

Ernstl weiß, das Leben muss weitergehen und hält auch für ihn noch schöne Momente bereit.


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